Co-Regulation in der Kita: Wie Kinder lernen, sich zu beruhigen
- 4. Juli
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 19. Juli
Ein zweijähriges Kind wirft sich weinend auf den Boden, weil die Jacke nicht so sitzt, wie es möchte. Ein Vorschulkind bekommt einen Wutanfall, als ein Spiel verloren wird. In solchen Momenten erwarten wir manchmal, dass sich das Kind zusammenreißt. Doch genau das kann es noch nicht. Die Fähigkeit, starke Gefühle allein zu steuern, ist nicht angeboren. Sie entsteht erst über die Jahre, und sie entsteht in Beziehung.
Der Fachbegriff dafür ist Co-Regulation. Er beschreibt einen der stillsten und zugleich wirksamsten Prozesse in der pädagogischen Arbeit. Wer ihn versteht, sieht kindliche Gefühlsausbrüche mit anderen Augen und findet zu einer ruhigeren, sichereren Haltung

Was Co-Regulation bedeutet
Co-Regulation meint, dass ein Kind seine Gefühle zunächst mithilfe einer verlässlichen Bezugsperson reguliert. Es leiht sich deren Ruhe, bis es selbst wieder ins Gleichgewicht findet. Eine erwachsene Person, die ruhig bleibt, in Kontakt geht und Sicherheit ausstrahlt, wirkt wie ein äußeres Nervensystem für das Kind.
Am Anfang steht die Fremdregulation: Ein Säugling wird getragen, beruhigt, gefüttert. Daraus wird mit der Zeit Co-Regulation, ein gemeinsames Regulieren, bei dem das Kind zunehmend mitwirkt. Erst daraus entwickelt sich Selbstregulation, die Fähigkeit, Gefühle eigenständig zu steuern. Dieser Weg dauert Jahre und ist mit dem Ende der Kita-Zeit längst nicht abgeschlossen. Selbstregulation reift bis weit ins Jugendalter.
Warum ein Kind bei Überforderung überhaupt aus der Balance gerät, beschreibe ich im Beitrag „Herausforderndes Verhalten verstehen: Vom Problem zum guten Grund“. Co-Regulation ist die Antwort darauf: die Fähigkeit, dem Kind die eigene Ruhe zu leihen, bis es sich selbst wieder regulieren kann.
Warum Selbstregulation nicht einfach eingefordert werden kann
Im Alltag entsteht schnell die Erwartung, ein Kind solle sich beruhigen, wenn man es dazu auffordert. Ein Blick auf die kindliche Entwicklung zeigt, warum das oft nicht gelingt. Die Hirnregionen, die für Impulskontrolle und die Steuerung von Gefühlen zuständig sind, entwickeln sich langsam und über viele Jahre. Ein Kind im Ausnahmezustand hat auf diese Bereiche kaum Zugriff.
Kommen belastende Erfahrungen hinzu, wird die Regulation noch anspruchsvoller. Kinder, die wenig verlässliche Co-Regulation erfahren haben, geraten schneller in Stress und finden schwerer heraus. Aus traumapädagogischer Perspketive ist dies ein Zeichen dafür, dass die Grundlage erst noch aufgebaut werden muss. Deshalb ist die Aufforderung „Beruhige dich“ in der Eskalation wirkungslos. Das Kind kann es nicht, es braucht jemanden, der es mit ihm tut.
Fachliche Grundlagen: Bindung, Stress und Beziehung
Die Bindungstheorie nach John Bowlby und Mary Ainsworth beschreibt, wie Kinder in belastenden Momenten die Nähe verlässlicher Bezugspersonen suchen, um sich zu beruhigen. Diese Erfahrung, in Not aufgefangen zu werden, ist die Grundlage für spätere Selbstregulation. Jede gelungene Co-Regulation ist damit auch Beziehungsarbeit.
Aus Sicht der Stressphysiologie geht es um das Nervensystem. Bei Überforderung schaltet der Körper in einen Alarmmodus: Kampf, Flucht oder Erstarrung. In diesem Zustand ist ruhiges Nachdenken nicht möglich. Co-Regulation setzt genau hier an. Eine ruhige Stimme, eine entspannte Körperhaltung und echte Präsenz signalisieren dem kindlichen Nervensystem, dass keine Gefahr besteht. Fachlich spricht man davon, dem Kind einen sicheren Ort zu bieten, ein zentrales Konzept der Traumapädagogik. Sicherheit entsteht dabei nicht durch Worte, sondern durch Beziehung.
Ein Beispiel aus der Praxis
Ben, vier Jahre, gerät beim Aufräumen regelmäßig außer sich. Er schreit, wirft sich hin, ist mit Worten nicht erreichbar. Eine Fachkraft versucht zunächst, ihm den Sinn des Aufräumens zu erklären. Es eskaliert weiter. Im Team entsteht die Überlegung, den Zugang zu verändern.
Beim nächsten Mal geht die Fachkraft anders vor. Sie kniet sich neben Ben, ohne zu drängen, spricht leise, benennt sein Gefühl: „Du bist gerade richtig wütend, das darf sein.“ Sie bleibt ruhig und präsent, ohne viel zu reden. Nach einigen Minuten wird Bens Atem ruhiger, er lehnt sich an. Erst jetzt, in der Ruhe, wird ein Gespräch möglich. Die Fachkraft hat nicht das Verhalten korrigiert, sondern Bens Nervensystem beim Herunterfahren begleitet. Das ist Co-Regulation im Alltag. Sie wirkt unspektakulär und verändert doch alles.
Handlungsempfehlungen für den Alltag
Regulation lässt sich üben. Diese Ansätze haben sich in der Praxis bewährt:
Zuerst die eigene Ruhe. Fachkräfte können nur co-regulieren, wenn sie selbst reguliert sind. Ein bewusster Atemzug, bevor man reagiert, wirkt oft mehr als jedes Wort.
Präsenz vor Erklärung. In der Eskalation zählt Beziehung, nicht Belehrung. Ruhige Stimme, entspannte Haltung, wenig Sprache.
Gefühle benennen. Wer das Gefühl des Kindes in Worte fasst, hilft ihm, es einzuordnen. Das beruhigt und stärkt langfristig die Selbstregulation.
Nähe anbieten, nicht aufzwingen. Manche Kinder brauchen Körperkontakt, andere zunächst Abstand. Feinfühligkeit heißt, das Signal des Kindes zu lesen.
Erst regulieren, dann reflektieren. Gespräche über Regeln oder Alternativen gelingen erst, wenn das Kind wieder ruhig ist.
Wiederholung als Lernweg. Selbstregulation entsteht durch viele gelungene Co-Regulationen. Jede einzelne ist ein Baustein, kein Rückschlag.
Auch für Fachkräfte gilt: Wer täglich co-reguliert, gibt viel Kraft ab. Ein Team, das sich gegenseitig stützt und Belastung reflektiert, bleibt handlungsfähig. Genau hier setzen Supervision und kollegiale Beratung an.
Reflexionsfragen für Ihr Team
Diese Fragen eignen sich für die kollegiale Beratung oder eine Teamsitzung:
Wie reguliert sich unser Nervensystem, bevor wir ein Kind begleiten?
In welchen Situationen gelingt uns Co-Regulation gut, in welchen fällt sie schwer?
Erwarten wir manchmal Selbstregulation, wo das Kind noch Co-Regulation braucht?
Wie sorgen wir dafür, dass wir selbst reguliert und handlungsfähig bleiben?
Welche Signale eines Kindes lesen wir vielleicht noch nicht richtig?
Zusammenfassung
Co-Regulation ist die Grundlage, auf der Kinder Selbstregulation lernen. Sie können starke Gefühle zunächst nicht allein steuern, sondern brauchen verlässliche Bezugspersonen, die ihnen ihre Ruhe leihen. Bindungstheorie und Stressphysiologie erklären, warum die Aufforderung, sich zu beruhigen, in der Eskalation nicht wirkt und warum Beziehung der eigentliche Wirkfaktor ist. Fachkräfte, die zuerst für ihre eigene Ruhe sorgen, präsent bleiben und Gefühle benennen, begleiten Kinder wirksam durch Stress. Jede gelungene Co-Regulation ist ein Baustein auf dem langen Weg zur Selbstregulation. Und sie ist zugleich Beziehungsarbeit, die weit über den einzelnen Moment hinaus wirkt.
Sie möchten Co-Regulation im Team vertiefen?
In Fortbildungen und Supervision arbeite ich mit pädagogischen Teams daran, Stress bei Kindern zu verstehen und Co-Regulation sicher zu gestalten. Wenn Sie das Thema in Ihrer Einrichtung verankern möchten, sprechen Sie mich gern an. Gemeinsam finden wir das passende Format.
FAQ
Was ist Co-Regulation einfach erklärt?
Co-Regulation bedeutet, dass ein Kind seine Gefühle mithilfe einer ruhigen, verlässlichen Bezugsperson reguliert. Es leiht sich deren Ruhe, bis es sich selbst wieder beruhigen kann. Daraus entwickelt sich mit der Zeit die Fähigkeit zur Selbstregulation.
Ab welchem Alter können Kinder sich selbst regulieren?
Selbstregulation entwickelt sich über viele Jahre und ist mit dem Ende der Kita-Zeit nicht abgeschlossen. Sie reift bis ins Jugendalter. Jüngere Kinder sind daher auf Co-Regulation durch Erwachsene angewiesen.
Warum funktioniert „Beruhige dich“ nicht?
In einer Eskalation ist das kindliche Nervensystem im Alarmmodus. Die Hirnbereiche für Steuerung und Sprache sind kaum zugänglich. Das Kind kann sich in diesem Moment nicht allein beruhigen. Es braucht eine ruhige Person, die es dabei begleitet.
Wie kann ich als Fachkraft selbst ruhig bleiben?
Hilfreich ist, die eigene Anspannung wahrzunehmen und bewusst durchzuatmen, bevor man reagiert. Ein Team, das Belastung gemeinsam reflektiert und sich gegenseitig entlastet, stärkt die Fähigkeit zur Co-Regulation zusätzlich.
Verwöhne ich ein Kind, wenn ich es co-reguliere?
Nein. Co-Regulation ist keine Verwöhnung, sondern eine Entwicklungsnotwendigkeit. Kinder lernen Selbstregulation gerade dadurch, dass sie in Not verlässlich begleitet werden. Diese Erfahrung macht sie langfristig stärker.
Hej, ich bin Julia Berg!
Ich begleite pädagogische Fach- und Leitungskräfte durch Supervision, systemische Beratung und Fortbildung. Fachlich fundiert und mit Blick auf die Selbstfürsorge. Denn starke Fachkräfte sind die Basis für starke Kinder.





Kommentare